Geschichten aus dem Corona-Alltag der BDS

Türen schließen und Herzen öffnen

Letzten Mittwoch wollten meine Frau und ich eigentlich ins pulsierende Leben von New Orleans eintauchen, morgens am Strand des Golfs von Mexico Sonne und Meer genießen und dann bei und mit unseren Freunden in Atlanta Karfreitag und die Osterfeiertage verbringen.

Das mussten wir leider alles absagen, denn die Grenzen, die Türen sind geschlossen. Zugleich erfahren wir gerade viel von unseren Freund*innen in aller Welt, in der die Menschen nicht nur in den USA, sondern gerade auch in Afrika mit viel größeren Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Wir teilen die Sorgen und die Hoffnung. So bringt uns dieses Virus einerseits in körperlichen Abstand und zugleich unsere Herzen zusammen. Das ist bei allem Schrecken eine sehr schöne Seite: wir schreiben, wir telefonieren, wir spielen zusammen😉 - mehr als im normalen Alltag.  

Der Schutz der Bewohner*innen in unseren Pflegeheimen und die Vorbereitung auf Covid-19 Patienten in unseren Krankenhäusern stellen auch die Seelsorge vor große Herausforderungen. Es begeistert mich, mit welch kreativen Formen die Seelsorger*innen die Isolation und geschlossenen Türen überwinden mit „Hoffnungskarten“, „Balkonliedersingen“ oder Videoanrufen zwischen Bewohnern und Angehörigen über ein Tablet, das die Seelsorgerin ans Bett bringt. Die Herzen werden geöffnet.  

Eine Ostergeschichte aus dem Johannesevangelium bekommt in dieser Situation für mich eine neue Aktualität. Als die Türen verschlossen waren aus Furcht, kommt Jesus, und tritt mitten unter sie und spricht: „Friede sei mit euch!“ (Joh 20,26). Die Auferstehungsgeschichten in der Bibel enthalten fast alle einen Aspekt der körperlichen Berührung. Maria Magdalena begegnet der auferstandene Jesus an seinem Grab und er sagt: „Rühr mich nicht an!“ Der sogenannte „ungläubige“ Thomas will erst seine Hände in die Nägelmale Jesu legen, weil er sonst nicht glauben kann und will, dass Jesus auferstanden ist. Und Jesus lässt ihn, sagt aber: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Die Geschichten vermitteln uns, das neue Leben in der Auferstehung geht über unsere körperlichen Grenzen hinweg – durch die Türen hindurch.  

Es wird jetzt vielfach geschrieben, dass die soziale Distanzierung die Digitalisierung voranbringen werde. Noch mehr freue ich mich jedoch über Fortschritte in der unsichtbaren neuen Welt, in der sich unsere Herzen verbinden - durch geschlossene Wohnbereiche, in isolierte Intensivstationen, durch Mauern hindurch, über Kontinente hinweg. Die Liebe kann und wird alle Grenzen – auch die des Todes – überwinden. Ostern feiern wir, dass Gott in Jesus damit begonnen hat und sein unsichtbares Reich und Kommunikationsnetz der Liebe ausbaut.  

So mögen die Bewohner und Patientinnen und wir alle in diesem Jahr die Auferstehung erleben als Gottes Kraft und Gegenwart. Durch alle verschlossenen Türen, durch alle Ängste hindurch spricht er uns seinen Frieden zu und lässt die Hoffnung und Liebe neu erstehen und wachsen.  

Pastor Dr. Lothar Elsner, Theologischer Vorstand der Bethanien Diakonissen-Stiftung

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